Eine Chance für alle

Was bringt der OrangeCampus? Eine Geschichte, die da anfängt, wo die Kostendiskussion aufhört. Während sich die öffentliche Debatte auf die Risiken versteift, wird oft vergessen, wer alles von einem Sportzentrum im Herzen der Doppelstadt profitiert.

Man muss sich das mal vorstellen: Da liegt ein Gelände, das so groß ist wie zweieinhalb  Fußballfelder im Herzen der Doppelstadt seit knapp 20 Jahren brach. Einmal sollte ein Kulturbiergarten dort entstehen, wo Neu-Ulm nur 70 Meter von Ulm entfernt ist, das andere Mal war ein Stellplatz für Wohnmobile im Gespräch. Passiert ist nie etwas. Seit der Schließung des alten Donaubades Ende der 1990er Jahre dient das 16.180 Quadratmeter große Areal als Biotop für Unkraut und Stechmücken.

Wie wäre es mit dieser Vorstellung? Dort, wo seit so langer Zeit nichts passiert ist, geht auf einmal die Post ab. Menschen beider Städte treffen sich, weil sie etwas erleben wollen. Zum Beispiel in einer der drei Sporthallen – die größte bietet Platz für 500 Zuschauer. Die meiste Zeit wird hier allerdings gespielt und trainiert – 95 Prozent der Hallenzeiten sind für Nachwuchs- und Breitensportler reserviert. Oder im Fitnessstudio, das den Blick zur Donau freilässt. Oder eben im Parkgelände, wo Spielplatzbesucher neben Volleyball-Spielern und Basketballern ihren Platz finden. Einen Biergarten gibt es übrigens auch, anstatt für Wohnmobile ist der Stellplatz jedoch für rund 160 Fahrräder reserviert.

Eine Utopie? Nein. Ein realistisches Bauvorhaben, das seit Herbst 2014 konkret geplant wird und im Ergebnis 2.032,72 Euro pro Quadratmeter kostet. Wer selbst einmal gebaut hat weiß, dass das nicht teuer ist. Gebaut wird im Übrigen gemäß „kfW Standard 55“, was für ein nachhaltiges Energie-Konzept spricht und konkret heißt: Es werden 45 Prozent weniger Primärenergie verbraucht als bei einem  vergleichbaren, nicht nachhaltig betrieben Neubau.  Den Steuerzahler – also die Bürger der Städte Ulms und Neu-Ulms – kostet dieses Bauvorhaben 4,5 Millionen Euro. „Ein Schnäppchen“, nennt Rainer Juchheim die 1,5 Millionen Euro Zuschuss, die der Neu-Ulmer Stadtrat am 26. Juli einstimmig gewährt hat. 1,5 Millionen Euro sind „kein Schnäppchen“ und das Zitat macht auch nur dann Sinn, wenn es komplett wiedergegeben wird. „1,5 Millionen Euro sind für die Stadt Neu-Ulm ein Schnäppchen, wenn man betrachtet, was damit erreicht wird“, so die vollständige Aussage des Grünen-Politikers.

Formal geht es um einen Gebäudekomplex. OrangeCampus, so der Name des Sportzentrums, das BBU ’01 auf dem alten Donaubadgelände errichten möchte. Ein Teil davon wird „ideeller Teil“ genannt. Gemeint ist der Teil, in dem Sport getrieben wird  – der ist 6.980 Quadratmeter groß und kostet 12.200.000 Euro (davon sind 10.450.000 Euro bezuschussungsfähig). Der andere Teil ist dafür da, Einnahmen zu generieren, um den laufenden Betrieb zu gewährleisten und dafür keine weiteren Steuergelder beanspruchen zu müssen. Dieser Teil – also das Fitnesszentrum, ein Bürogebäude, sowie der Gastro- und Shop-Bereich – kostet 10.600.000 Euro. In der öffentlichen Wahrnehmung endet die Diskussion über den OrangeCampus meist genau hier. Dass nur der „ideelle Teil“, also der in dem zumeist junge Menschen ausgebildet werden, gefördert wird – der Rest aber nicht – geht meist unter. Es geht um Zuschüsse, Darlehen und den Unterschied zwischen Eigenmitteln und Eigenkapital. Es geht nicht darum, was erreicht wird. Es geht nur darum, was es kostet.

Um sich vorzustellen, was der OrangeCampus bringt, braucht es etwas Fantasie. Etwas Vergleichbares gab es in der Region ja noch nie. Ein Sportzentrum in unmittelbarer Nähe der Stadtzentren Ulms und Neu-Ulms. Keine Shopping Mall, kein Kino, kein Elektronik-Discounter, oder was den Menschen sonst noch gerne zum Zeitvertreib angeboten wird. Stattdessen ein Gelände, das aktiven Basketballern optimale Trainingsbedingungen bietet – in Halle eins ist eine 160 Meter lange Laufbahn rund um das Spielfeld geplant – und Sport-interessierte Bürger gleichermaßen anspricht. „Sport ist gut für Herz, Kreislauf, Muskeln. Und nicht zuletzt ist Sport gut für das Gehirn! Krankenkassen müssten sich beteiligen, denn das ist echte Prävention“, urteilt Prof. Dr. Manfred Spitzer in seiner Funktion als Ärztlicher Direktor der psychiatrischen Universitätsklinik Ulm.

Martina Haas sagt: „Ein vergleichbares Projekt kenne ich nur vom VfB Stuttgart.“ Haas ist als Geschäftsführerin des Württembergischen Landesverbandes (WLSB) für Sportentwicklung zuständig. Ihr Verband hat einen Zuschuss für den OrangeCampus in Höhe von knapp 700.000 Euro in Aussicht gestellt. Haas sagt auch: „Ohne Breite keine Spitze. Was BBU ’01 hier macht, ist ein beispielhaftes Zusammenspiel zwischen Breiten- und Leistungssport und Schule und Verein.“.“ In Köln haben unlängst drei Wissenschaftler der Sporthochschule in einer Studie festgestellt, „dass öffentliche Ausgaben für Sportanlagen und Schwimmbäder einen signifikanten positiven Effekt auf die Sportaktivität der Menschen“ haben.

Was BBU ’01 mit dem OrangeCampus im ersten Schritt also erreicht, ist Menschen in Bewegung zu bringen. „Die Menschen zum Sporttreiben zu bewegen, ist nicht nur von Bedeutung für die Volksgesundheit, sondern forciert auch die Entwicklung von sozialer Kompetenz und schafft Arbeitsplätze, ist also ein wichtiges Ziel jeder Gesellschaft“, schreiben Sören Dallmeyer, Dr. Pamela Wicker und Prof. Dr. Christoph Breuer in ihrer Arbeit „Public expenditure and sport participation: An examination of direct, spillover, and substitution effects”. Für Kommunen sollte dieses Ziel also gleichermaßen gelten.

Und Kommunen leben von ihren Vorzeigeobjekten. Zum Beispiel das Ulmer Münster oder Albert Einstein – wer von ihnen spricht, spricht von der Stadt, aus der sie stammen. ratiopharm ulm, das Team, das in der Basketball Bundesliga seit Dezember 2011 bei jedem seiner Heimspiele ausverkauft meldet, bringt die beiden Städte ins Gespräch und verschaffte ihnen bares Geld. Man kann das messen. Das Marktforschungsunternehmen ValuMedia hat das getan und einen Werbewert von 14 Millionen Euro ermittelt. 555 Werbespots bei RTL zur Prime Time müsste die Doppelstadt schalten, um eine vergleichbare Reichweite für sich zu bekommen. Außerdem sorgen die Profis für ein Plus von 7,4 Millionen Euro im kommunalen Säckel – ermittelt aus direkten und indirekten Steuereffekten.

Auch die Profis sollen vom OrangeCampus profitieren. Kurze Wege sind im Leistungssport enorm wichtig. Die Erstversorgung nach einer Verletzung spielt hier eine Rolle, genauso wie die Zeitersparnis, die eine längere Regeneration ermöglicht. „Alles auf einem Grundstück – das wäre ein Riesenschritt für Ulm und den deutschen Basketball“, sagt Basketball-Bundestrainer Chris Flemming. Noch wichtiger als die unmittelbaren Effekte sind die langfristigen Auswirkungen. Ein Club, der in den letzten sechs Jahren fünf Mal im Halbfinale und zweimal im Finale stand, aber trotzdem nicht zu den finanziellen Alphatieren der Bundesliga gehört, muss sich etwas einfallen lasse, um langfristig konkurrenzfähig zu bleiben. Er muss eine Nische finden, die ihn auszeichnet.

 „Im Basketball war in Europa Treviso  lange  Jahre  das Nonplusultra.  Zahlreiche NBA-  und  europäische  Topspieler wurden dort  entwickelt“, sagt Dr. Thomas Stoll. In Treviso, der norditalienischen Stadt 30 Kilometer entfernt von Venedig wurde Andrea Bargnani ausgebildet. Bargnani ist bis heute der einzige Europäer, der im NBA-Draft an Nummer eins gezogen wurde. „Langfristig traue ich uns zu, dass wir in Ulm NBA-Spieler ausbilden“, sagt Manager Stoll. Mittelfristig soll auf dem Campus eine Generation von Spielern heranreifen, die ratiopharm ulm eine Alternative im Feilschen um die Topsstars bietet. Denn längst operiert die Konkurrenz mit Spieler-Etats, die viermal höher sind als das der Ulmer. Was in der 16-jährigen Geschichte von BBU ’01 noch Seltenheitswert hatte, soll zukünftig zu Regel werden – nämlich gebürtige Uuulmer im Trikot von ratiopharm ulm.

All das ist keine Utopie – kein Luftschloss, das sich Menschen ausgedacht haben, die nichts von Sportentwicklung verstehen. Die Idee des OrangeCampus basiert auf belastbaren Zahlen, die ein renommierter Wirtschaftsprüfer erstellt hat und die Andreas Burkhardt „eine solide und auch im Detail überzeugenden Finanzplanung“ nennt. Burkhardt ist bei Teva Finanzgeschäftsführer und vertritt dabei ein Unternehmen, das 2016 weltweit einen Jahres-Umsatz  von knapp 22 Milliarden Dollar auswies.

Der OrangeCampus entspringt der Idee zweier Männer, die den Ulmer Basketball in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten nachhaltiger prägten, als jeder Spieler. „Hier arbeiten echte Profis mit Herz und dem festen Glauben an ihre Vision“, sagt der Mathematiker und Pokerweltmeister Stephan Kalhamer. „Mit dem nüchtern kalkulierten Risiko, dem Campus seine verdiente Chance zu geben, kann und wird das Ulmer Team um Andreas Oettel und Dr. Thomas Stoll auch langfristig im Konzert der Großen überraschen, ja glänzen“, so Kalhamer.

Text Martin Fünkele | Bilder BBU ’01, Matthias Stickel, Alexander Fischer | Gestaltung HALMA

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