Smooth Operator

Wenn Ryan Thompson Bälle durch einen Korb wirft, sieht Basketball ganz einfach aus. OrangeZone.Magazin porträtiert einen der versiertesten Scorer der easyCredit BBL.  

„Es gibt in diesem Sport keine Romantik mehr“, schrieb Fußball-Kommentator Marcel Reif 2013 in seiner Tagesspiegel-Kolumne. „Dafür geht es für alle um viel zu viel.“ Eine Feststellung, die nicht nur für Deutschlands Volkssportart Nummer eins gilt. Die idealistischen Vorstellungen vom Athleten, der zehn Jahre im selben Verein spielt, sind überkommen, die Per Günthers und Rickey Pauldings dieser Welt die Ausnahme – dafür muss vom Geld, über die Ambitionen bis hin zum sportlichen „Fit“ über Jahre zu viel passen. So viel Hollywood ist Sport selten. In der Realität trennt sich der Verein früher oder später von einem Spieler, oder der Spieler geht, weil er andernorts mehr verdienen kann. „Wenn unser Etat um zehn Prozent steigt, können wir einem Spieler nicht 50 Prozent mehr Gehalt bieten“, verdeutlicht Thomas Stoll die wirtschaftliche Perspektive eines Clubs. „Und dann ist der Spieler eben weg.“ Und das mit gutem Recht, denn wer von uns würde schon eine Gehaltssteigerung um 50 Prozent ausschlagen?

 

Und trotzdem ist es bei Vielen noch da, das Romantik-Ideal, und schlägt unbewusst Alarm, wenn etwas gänzlich unromantisch scheint. So, wie am 9. Juli: „Wandervogel jetzt in Ulm“, titelt die Neu-Ulmer Zeitung zur Verpflichtung von Ryan Thompson. Und mit Blick auf die acht Profistationen, die der 29-Jährige in seiner Vita stehen hat, folgert die NUZ: „Von Vereinstreue und Identifikation mit Klub, Fans und Stadt hat der Amerikaner bisher offensichtlich nicht viel gehalten.“ Es wäre ein Leichtes, eine Sportler-Karriere darauf zu reduzieren. Auf Begriffe wie Treue oder Identifikation – die romantische Seite eben. Aber: „Sportler-Karrieren sind kurz, also versuchst du, viel Geld zu verdienen“, so Thompsons ehrliches Bekenntnis. Früher, sagt er, habe er die ganze Offseason auf das dickste Angebot gewartet. Heute, nach sieben Profijahren, unterschreibt er bereits Anfang Juni in Ulm – und das gleich für zwei Jahre. Er hätte warten und anderswo mehr verdienen können – aber das ist es dem Mann aus New Jersey nicht mehr wert: „You gotta go through things, to realize what’s really worth it.“ Und wer weiß, was Thompson durchgestanden hat, versteht, wie seine Karriere doch noch zu einer kleinen Sportromanze werden konnte.

Thompson wächst 120 Kilometer südlich von New York City als jüngerer von zwei Söhnen von Sharyn und Chuck Thompson auf. Mit seinem zwei Jahre älteren Bruder Jason wirft er bereits im Wohnzimmer auf einen Korb, als er kaum richtig laufen kann. Die beiden Knaben sind zwar talentiert, doch Basketball ist im Hause Thompson lange mehr Hobby als berufliche Vision. „Für unsere Eltern hatte Bildung die höchste Priorität. Danach kam Basketball“, erzählt Jason in einem Interview mit „The Basketball Insider“. Kein Wunder: Chuck und Sharyn Thompson arbeiten als UPS-Fahrer und Krankenschwester; alles auf die Karte Basketball zu setzen, kommt den Thompsons nicht in den Sinn – und damit auch den Söhnen nicht. „Bis zu meinem letzten High School Jahr war mir nicht bewusst, dass ich mit Basketball vielleicht einmal Geld verdienen kann“, sagt Ryan.    

Das ändert sich am College ganz schnell – zumindest für einen der beiden Thompsons. Mit seiner überbordenden Athletik spielt der 2,08 Meter große Jason an der Rider University, die beide Brüder besuchen, alles in Grund und Boden und sich selbst in den Fokus der NBA-Scouts. Nach zwei Jahren verlässt er die Uni vorzeitig und wird im Draft 2008 an 12. Stelle gezogen. Zurück bleibt Ryan, der bis dato kaum über eine Statistenrolle bei den „Broncos“ hinausgekommen war. Doch der Abgang seines prominenten Bruders wird zum Dosenöffner für den kleinen Thompson: „Es war anfangs schwer ohne Jason, weil ich es gewohnt war, ihn als Vertrauensperson an meiner Seite zu haben“, erzählt er. „Aber sein Wechsel hat mir auch geholfen, Verantwortung zu schultern und die Mentalität eines Go-to-Guys anzunehmen.“ Das Ergebnis hat im Sommer 2010 historische Züge. Als er Rider nach vier Jahren verlässt, sind seine Spuren überall in den Geschichtsbüchern der Uni: In acht statistischen Kategorien hält Thompson bis heute den All-Time-Rekord – darunter bei Punkten, Rebounds und Assists.

Die ganze Geschichte über Ryan Thompson gibt es in der neuen Ausgabe von OrangeZone.Magazin. Entweder ab sofort online oder demnächst kostenlos in ganz Ulm & Neu-Ulm.

Text Joshua Wiedmann  Fotos MoodMood, Daniel Loeb.

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