Ein Kraftakt für die Geschichtsbücher

ratiopharm ulm sichert sich mit einem 82:76 (43:47)-Sieg gegen ALBA BERLIN den 26. Bundesliga-Sieg in Serie und stellt damit einen neuen Serienrekord in der 51-jährigen BBL-Geschichte auf.

Shortcut Normalerweise ist die Humba nach einem Ulmer Sieg eine Sache zwischen Spielern und Fans. Nach dem 82:76 (43:47)-Sieg über Berlin brach Thorsten Leibenath mit dieser Gepflogenheit und tanzte ausgelassen im Kreis seiner Profis. Er hatte allen Grund dazu – denn nicht jeden Tag schreibt man Bundesliga-Geschichte. Der 26. Sieg in Folge und der Platz in den Geschichtsbüchern war allerdings hart erkämpft – davon zeugte die Platzwunde, die Karsten Tadda über dem Auge davontrug. „Dass wir heute gewonnen haben, haben wir einer Kraftanstrengung zu verdanken“, so Leibenath nach 40 Minuten, in denen Berlin lange – und vor allem im ersten Viertel (24:33) – zum Spielverderber bei der Ulmer Rekordhatz zu werden schien. „Wir haben uns nach dem ersten Viertel aber defensiv ins Spiel reingearbeitet“, so Leibenath, dessen Team Berlin nach dem Seitenwechsel nur noch 29 Punkte gestattete – und trotzdem zittern musste, nicht zuletzt wegen elf vergebenen Freiwürfen. Erst ein Dreier von Chris Babb zum 80:74 17 Sekunden vor Schluss machte den Deckel auf den Rekordsieg, den Thorsten Leibenath aber einzuordnen wusste: „Der Rekord ist eine sehr schöne Randnotiz, aber er veranlasst in keinster Weise dazu, jetzt einen Gang runterzuschalten.“

Keystats Zwei Kategorien, die für gewöhnlich Ulmer Stärken sind, gerieten im 26. Saisonspiel zum Bremsklotz: die Freiwurf- (14/25) und Dreier-Ausbeute (6/22). Dass das Leibenath-Team trotz des hohen Berliner Drucks aber einen kühlen Kopf bewahrte, ist an lediglich acht Ulmer Ballverlusten abzulesen. Und auch die Ulmer Verteidigung agierte nach dem ausbaufähigen Start auf Topniveau: Hatte Berlin im ersten Viertel 71 Prozent seiner Würfe getroffen, waren es im weiteren Spielverlauf nur noch 35 Prozent.    

Spotlight Während sich Raymar Morgan (18 Punkte / 9 Rebounds) und Elmedin Kikanovic (25 / 7) in einem hochklassigen Zonen-Duell aufrieben, wurden zwei Shooting Guards zu den X-Faktoren: Carl English (15 Punkte) schoss ALBA mit vier Dreiern im ersten Viertel zur 24:33-Führung und brachte die Hauptstädter kurz vor Schluss mit Treffer Nr. 5 wieder auf 75:72 heran. Auf der Gegenseite lieferte Karsten Tadda seinen höchsten Scoring-Output im ratiopharm-Dress (11 Punkte, ohne Fehlwurf) – aber nicht nur das: „Karsten hat euch heute mit einer Riesenportion Herz gespielt und ist für uns auch unabhängig seiner Punkte ein herausragender Spieler“, so Coach Leibenath.

Play-by-Play

1. Viertel (24:33): Begleitet von Standing Ovations und „we are one“-Sprechchören startete das ratiopharm-Team enthusiastisch und mit einer 6:2-Serie. Berlin zeigte sich aber weder davon, noch vom frühen Pfeifkonzert – das nach einem Unsportlichen Foul Niels Giffeys jeden Berliner Ballbesitz begleitete – beeindruckt: Nach fünf Punkten Elmedin Kiknovics hatten die Gäste die Führung übernommen (9:10, 3. Minute), die nach zwei Dreiern in Folge weiter (auf 13:18, 5.) anwuchs. Und die Partie nahm nun noch mehr die Galligkeit eines Playoff-Spiels an: Erst wühlte sich Morgan zum 17:18-Anschluss, dann lötete ALBA staubtrocken seine Dreier vier und fünf zum 17:24 (9.) ein. Die Ulmer Antwort fiel – durch zwei eigene Dreier – zunächst zwar spektakulär aus, war aber wenig nachhaltig: Mit zwei Ballverlusten und einer mauen Freiwurf-Quote (3/8) spielte Ulm den Gästen auf dem Weg zur 24:33-Führung gehörig in die Karten.

2. Viertel (19:14): Wie hart der Vizemeister für jeden Punkt arbeiten musste, war an Karsten Tadda zu sehen, der mit einem toughen Offensiv-Rebound einen 4:0-Minirun startete. Weil aber Kikanovic (4 Punkte in Serie) den Hausherren Probleme bereitete, dauerte es bis zur 14. Minute, ehe Taylor Braun nach einem seltenen Layup die Aufholjagd einleitete (31:36). Und die basierte – angetrieben von einem Publikum in Postseason-Verfassung – vor allem auf einer Defensive, die Berlin zu sieben Fehlwürfen in Folge und Ulm bis zum 34:36-Anschluss trieb (17.). Hatte Carl English die Wende mit seinem 4. Dreier zunächst noch verhindert, war es wenig später ein Traumanspiel von Hobbs auf Braun, das Ulm die Führung brachte (41:39, 19.). Die Antwort kam wieder eiskalt von außen: Zwei Dreier sorgten für die knappe Berliner Halbzeitführung (43:47).  

3. Viertel (19:11): Und es ging weiter, wie es aufgehört hatte: Mit einem Intensitäts-Pegel am Anschlag – und manchmal im regelwidrigen Bereich. Nach einigen strittigen Pfiffen und einem Schlag ins Gesicht von Raymar Morgan wandelten die Gastgeber ihren Unmut in Energie und einen 6:0-Run zum erneuten Ausgleich (51:51, 24.) um. Als sich wenig später Babb Gaffney „zurechtlegte“ und gegen den Mann zum 54:51 traf, explodierte die ratiopharm arena. Mit dem Mommentum auf der Habenseite preschte der Tabellenführer bis auf 58:51 (27.) davon. Nach der höchsten Ulmer Führung des Abends erhöhte ALBA aber den defensiven Druck – und das zeigte kurz Wirkung: Einige Nachlässigkeiten im Spiel nach vorn ermöglichten Berlin einen 0:6-Spurt zum erneuten Ausgleich (58:58, 28.).

4. Viertel (20:18): Und dann erlöste Karsten Tadda die Gastgeber: Hatte der Ulmer „Terrier“ schon die letzten Punkte des 3. Durchgangs markiert, legte er zum Start ins Schlussviertel einen Dreier zum 65:61 nach – den erst vierten seines Teams im 15. Versuch. Als Augustine Rubit einen Angriff später Giffey mit aufs Poster (lies: über ihn dunkte) nahm, sprangen die 6.200 Zuschauer von den Sitzen. Und dann begann die Raymar-Morgan-Time: Erst zwang Ulms Biest ALBA-Coach Caki mit vier Zählern zur Auszeit (71:65, 34.), dann räumte Morgan den einen Kopf größeren Kikanovic spektakulär ab. Doch trotz der Ulmer Überlegenheit blieb Berlin „tough and gritty“ – und so im Spiel: Während Ulm drei Freiwürfe in Folge verschenkte, besorgte Carl English für die Hauptstädter den 75:72-Anschluss (38.). Doch zum Matchwinner wurde nicht English, sondern Babb – auf bezeichnende Art und Weise: Nachdem auch der US-Amerikaner nur einen seiner zwei Freiwürfe getroffen hatte, machte sein Dreier zum 80:74 17 Sekunden vor Schluss den Deckel auf den Rekordsieg.   

Quotes

Thorsten Leibenath (Head Coach ratiopharm ulm): „Ich kann mich an viele Stimmen erinnern, die gesagt haben: Berlin ist keine Spitzenmannschaft mehr. Heute haben sie gezeigt, dass sie das weiterhin sind. Sie sind mit der richtigen Intensität ins Spiel gegangen und haben eine sehr starke Leistung gezeigt. Dass wir heute gewonnen haben, haben wir einem wirklichen Kraftakt zu verdanken. Das Team wollte nicht als Verlierer vom Feld gehen. Wir haben uns nach dem ersten Viertel, in dem wir 33 Punkte kassiert haben, defensiv ins Spiel reingearbeitet. Vermutlich hätten wir frühzeitig eine komfortablere Führung haben können, wenn wir nicht so viele Freiwürfe vergeben hätten. Der Rekord bedeutet mir relativ wenig. Er ist eine sehr schöne Randnotiz, aber er veranlasst in keinster Weise dazu, jetzt einen Gang runterzuschalten.“

Ahmet Caki (Head Coach ALBA BERLIN): „Im ersten Viertel haben wir sowohl offensiv als auch defensiv ein sehr starkes Spiel abgeliefert. Im zweiten Viertel hat Ulm dann aber die Kontrolle gewonnen. Der Schlüssel war jedoch das dritte Viertel, als wir den Ball nicht mehr geteilt haben und nicht mehr punkten konnten. Wir haben den Sieg in dieser Phase weggegeben, auch wenn wir bis in die letzten Sekunden im Spiel waren. Wenn wir das Spiel besser kontrolliert und den Ball besser bewegt hätten, hätten wir das Spiel gewinnen können. Auch die 25 Freiwürfe, die wir Ulm gegeben haben, waren zu viel. Aber Ulm ist ein gutes Team und war sehr gut vorbereitet – Glückwunsch zu diesem Sieg.“

Good to know Mit dem 26. Saisonsieg hat ratiopharm ulm einen neuen Serienrekord in der BBL aufgestellt – zumindest innerhalb einer Spielzeit. Saisonübergreifend steht (ausgerechnet) ALBA BERLIN an der Spitze der Rekordbücher: Zwischen April 2000 und April 2001 gewannen die „Albatrosse“ satte 32 Partien in Serie. Für Ulm bedeuten die 26 Siege übrigens nicht die längste Serie der Club-Annalen: Zwischen April 2004 und April 2006 gewann der damalige Zweitligist 31 Heimspiele in Serie – damals noch in der Kuhberghalle.

Fotos:Langer, Achberger.

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